Home
“Das Werk ist autobiographischer als vermutet”
Geschrieben von tk   
Mittwoch, 6. November 2013

schreibt Der Spiegel vom 21.10.13 in der Ankündigung eines Artikels über die Künstlerin Isa Genzken. Das bedeutet, man hat ihr Werk (und ich werde hier sicherlich nicht auf ihr Werk eingehen) bisher falsch gesehen, oder zumindest nicht vollständig. Entweder liegt eine bisherige Fehlinterpretation vor oder es gibt eine eindeutige Zuordnung von Bedeutungszusammenhängen, die jetzt, da die biographische Idee erst einmal aufgemacht worden ist, eineindeutig zuordenbar ist. Man spricht gerne von Interpretationen, dabei geht es offensichtlich um exakte Begriffe. Aber ich werde hier gar nicht die sogenannten poststrukturalistischen Ideen und ihre Verwendung im profanen Alltag zum Anlass einiger Zeilen nehmen, vielmehr mich an das, was es ist, herantasten, dieses Kunstding. Das Kunstding ist zweierlei, und zum Glück kann man das bereits an dem Begriff schon festmachen: Ding und Kunst. Ding ist es, weil es ist, weil es – affirmativ oder komplementär – als Ding erkennbar ist. Es operiert unter den anderen Dingen oder an deren Peripherien, eindeutig als Ding erkennbar ist es in jedem Fall. Man kann es treten oder mit Tesafilm an die Wand nageln, man kann es streicheln oder in einen Stau stellen, es ist eben ein Ding, und als solches funktioniert es wunderbar. Das es Kunst ist, ist zunächst und für Außenstehende hingegen gar nicht so leicht, man muss, und das wird es vor allem anderen sein, daran glauben: Ja, du bist nicht nur ein Ding, du bist Kunst, so wie eine Hose dann auf einmal auch Mode ist, oder ein Stück Papier etwas wert. Man sagt dazu, dass es sich dabei um einen ideellen Wert handelt, so wie die Erkenntnis auch ein ideeller Wert ist. Wenn Teilchen aufeinander rasen, es zu gewollten Unfällen kommt, dann ist es auch ein ideeller Wert, die Erkenntnis, sagt man, es geht um die Grundlagenerkenntnis, neue Teilchen entstehen, wenn auch nur kurz, aber es sind dann wieder Dinge, und Dinge kann ich auf einem Toaster grillen, ist die Welt nicht wunderbar. Die Kunst, diese Glaubensfrage ist eine, die auf dem Ding klebt (man kann sie manchmal lesen, vergilbtes Papier, Hey, wie geht's`? steht da beispielsweise, manchmal erkennt man den Zettel neben Ding gar nicht, ist eben ein Ding und keine Kunst), man kann sie sammeln. Dann bewahrt man diese Zettel auf, die bestätigen, dass es sich nicht nur um ein Ding handelt, sondern auch um Kunst, und dann lädt man sich Freunde ein und schlürft Cocktails und sagt: Schau, Kunst! Und die Freunde sagen, dass sie so eine Kunst noch nie gesehen haben, und dann tanzt man um diese Kunst herum und merkt gar nicht mehr, dass es jetzt nur noch ein Kunstding und gar kein Dingding mehr ist. Ist eine schöne Sache, Metaphysikalisierung, bei Raumschiff Enterprise hieß das Entmaterialisierung, ein Ding muss weg, aus Dingding mach Kunstding, und nach dem Energieerhaltungssatz bleibt aber alles in der Familie, Kunst hat die gleiche (Achtung Esoterik!) Energie wie das dazugehörige Ding. Ob alle Kunst allerdings die gleiche Energie besitzt, ob beispielsweise Nano-Kunst die gleiche Energie besitzt wie der Vulkan eines James Turell, darüber gibt es keine sichere Erkenntnis. Muss es ja auch nicht, ist ja Kunst. Wahrscheinlich verhält es sich so: “Das Werk ist autobiographischer als vermutet”. Die Frage, die bisher unbeantwortet geblieben ist, ist die, wer hier vermutet hat. Man steht also vor einem Ding und ist sich nicht ganz sicher, ob es sich dabei um ein Kunstding handelt. So sind diese bunten Leinwände, die man manchmal in sogenannten Museen antrifft, ziemlich sicher als Kunstding identifizierbar, wohingegen ein Putzeimer, der am Eingang eines sogenannten Museums steht, kann beides sein, ein Kunstding, aber eben auch ein Dingding. Und wenn es ein Dingding ist, dann ist es keiner weiteren Erwähnung wert, wenn aber unverhofft ein Kunstding unseren Weg kreuzt, dann muss man sich womöglich auch noch daran erinnern. Man stellt sich dann davor und sagt dann etwas wie: Wow!, oder Abgefahren! Meist hilft das nicht sehr viel, aber es rettet uns wenigstens über den Tag. Denn das Kunstding ist nicht nur einfach so da, wie man das von Dingdingern gewohnt ist, nein, es bereichert das Leben: Das Kunstding ist Kultur, wohingegen das Dingding ein Dingding ist und bleibt (immerhin auch hier Energieerhaltung!). Aber: “Das Werk ist autobiographischer als vermutet” und so muss man an dem Dingding schon lange suchen, bis der erste Schultag, die Hautkrebserkrankung oder die Flitterwochen auf Fehmarn dann auch zum Vorschein treten. Ein Dingding muss oft genug nicht interpretiert werden (es sei denn, es will illegitimerweise dann doch ein Kunstding sein), ein Kunstding hingegen sehr und dann wird es schwierig: Wenn man das Kunstding jetzt aus Versehen mit Heidegger interpretiert hat, statt es, wie es vielleicht nahegelegen hätte, autobiographisch zu deuten, dann hängt das Kunstding ganz schief. Es liegt gesammelt in einem Raum, in den es möglicherweise gar nicht gehört, weil es zwar durchaus ein Kunstding und kein Dingding ist, sich mithin nicht illegitimerweise einen Status zuerkannt hat, der ihm eben nicht zusteht, aber es ist eben nicht das Kunstding, wofür man es ursprünglich gehalten hat. Man läuft also gewissermaßen Gefahr, dass man illegitim oder in falscher Weise im Leben bereichert wird. Was hier noch Bereicherung bedeuten kann, steht hier schon auf dem Index des Soll. Wer ganz auf der sicheren Seite stehen will, der geht nicht zu weit mit den Kunstdingern, wir empfehlen 97,38% Dingding und 6% Kunstding – der Rest ist Fehlertoleranz.

 

 
Der Moment, in dem alles gleichzeitig ...
Geschrieben von tk   
Mittwoch, 16. Oktober 2013

Um es frei heraus zu sagen: Ich stand auf einer Anhöhe und hatte schon den ganzen Vormittag über ein flaues Gefühl. Nicht dass ich wirklich damit hätte rechnen mögen, dass irgendwas entscheidendes an diesem Tag noch passieren könnte, aber wenn man sich im Nachhinein anschaut, was jetzt an diesem Tag tatsächlich passiert ist, dann hat man keine Zweifel mehr daran, dass es sich dabei um absolut zusammenhängende und sich bedingende Abläufe der Geschehnisse handelt. Ich bin vormittags noch in den kleinen Laden bei mir um die Ecke gewesen – dieses Geschäft, über das neulich noch spekuliert worden war, ob es womöglich den Besitzer noch ändern wird oder ob genauso sang und klanglos geschlossen werden wird, wie es vor nicht ganz eineinhalb Jahren eröffnet worden war; es sind einfach auch schwierige Zeiten und der Verkauf von kleinen höchst fragilen Väschen, die mehr einer Rokokoverzierung denn einem Gebrauchsgegenstand gleichen, ist vielleicht auch in den noch so guten Zeiten ein hartes Geschäft -, am Nachmittag bin ich dann mit samt des gläsernen Kleinods hierauf gestiegen, wie Zarathustra oder wie hieß noch einmal gleich der Andere, Hauses, Hosuha, Hao …?Ich bin 11.47 hier angekommen, und dann habe ich mich auch gleich daran gemacht, die Vase aus ihrer Papier-/Kartonummandelung zu befreien, ich habe trotz der Windbedingungen, die nicht als günstig zu bezeichnen sind, die Vase auf den kleinen Vorsprung gestellt, nachdem ich sie mit einem dieser ganz seltenen Blümchen bestückt habe, die man höchst wahrscheinlich gar nicht pflücken darf, und deren Name mir jetzt gerade ebenso wenig einfällt, wie der des Berges, auf dem eben diese Szene sich ehemals abzuspielen anschickte. Just in dem Moment, da mich Zweifel über die Richtigkeit der bevorstehenden Unternehmung (ich will sie jetzt mal so nennen) zu überkommen schienen, kommt jetzt ein sogenannter einfacher Mensch daher und beginnt mich aufs ungeheuerlichste zu beschimpfen. Ich weiß nicht, ob ich es als größtzunehmenden Un- oder Glücksfall einordnen soll, aber ich verstehe so überhaupt kein Wort, welches mit viel Spucke über seine Lippen kommt, und so vermag ich auch nur deshalb zu vermuten, dass es sich um eine allgemeine Missbilligung meiner Person zu handeln scheint, die der einfache Mensch hier auszubreiten weiß. Er redet laut, zeigt abwechselnd auf mich, die Vase und auf den Abgrund, und ich schwöre, ich wäre mächtig sauer geworden, wenn er im Zuge zu großer Leidenschaft das Väschen seinerseits in den Abgrund geschmissen hätte. So aber endet dieses durchaus irritierende Zwischenspiel mit seinem Fortgang und der schlichten Erkenntnis, dass auch unverstandene Handlungen zu heftigen Reaktionen führen können. Und dann kommt er, der Moment, der einfache Mensch ist gerade außer Sichtweite geraten, da kommt und ohne weitere Verzögerung der Moment, von dem hier die Rede sein soll, ein Moment, auf den man sich ja gar nicht so richtig vorbereiten kann, was hilft da schon dieses kleine Väschen, ja, es ist schön, würdig, müsste manch einer wohl denken, aber eigentlich hat mich nichts auf diesen einen Moment vorbereiten können, der über mich kommt, sobald der einfache Mensch dann auch gleich außer Sichtweise ist. Der Moment ist … schwer zu sagen, ich müsste jetzt irgendwelche Begriffe aus dem Hut zaubern, aber sie könnten nicht passen. Mpfns wäre so ein Begriff, der mir jetzt einfiele und der es irgendwie treffen müsste, nicht ganz und schon gar nicht vollständig, aber vielleicht so ein bisschen. Zschrrrr wäre ein anderer unzureichender Versuch, der es nicht träfe ohne falsch zu sein. Man muss sich jetzt vorstellen, dass es ja alles gleichzeitig in meinem Kopf so ist, wirklich alles gleichzeitig und ich habe jetzt sicherlich nicht den größten Kopf, bei Hutgrößen ist es immer eine 52 allenfalls mal eine 54, und dann soll da alles gleichzeitig rein? Ich habe das Väschen in die Hand genommen, habe es feierlich vor mich in die Luft mit beiden Händen und über den Abgrund gehalten. Wahrscheinlich macht man das in solchen Fällen, aber ich habe es eher aus Verlegenheit getan, und weil ich auch sonst gar nicht gewusst hätte, was ich hätte machen sollen. Oder weiß irgendwer, was man denn so macht, wenn man alles gleichzeitig im Kopf hat, wirklich alles? Ich finde meine Entscheidung, die Vase in die Hand zu nehmen auch jetzt nicht ganz so doof, wie es sich vielleicht zunächst anhört. Ich hätte auch tanzen können, weinen vielleicht, oder Lust auf einen Kaffee haben, da finde ich meine Wahl noch ganz nachvollziehbar. Kopfschmerzen? Klar habe ich Kopfschmerzen, selbst jetzt habe ich noch Kopfschmerzen und das nicht nur, wenn ich daran denke. Es ist einfach da. Das geht auch nicht mehr so schnell weg. Ich wüsste auch nicht wohin. Ich bin später dann noch einmal in den Laden gegangen und habe mich herzlich für alles bedankt, aber sie haben mir glaubhaft versichert, dass sie nicht die leiseste Ahnung davon haben, wovon ich überhaupt spreche. Ich habe ihnen einige dieser leckeren Muffins vorbeigebracht, die man in die andere Richtung von mir aus bei dem kettenunabhängigen Bäcker bekommt, und letztlich haben sie sich dann auch gefreut und haben mir eine weitere von diesen kleinen Väschen geschenkt, die ja im Grunde genommen ganz schöner Kitsch sind.

 
Ist die Realität noch zu retten?
Geschrieben von tk   
Freitag, 4. Oktober 2013

Wäre das eine Kolumne, dann müsste der Text jetzt wahrscheinlich mit der Erwähnung all der Dinge fortgeführt werden, die in der Vergangenheit bereits gerettet wurden, und nein, ich zähle jetzt keine Getränkeflaschen und Finanzinstitute auf, denn DAS IST KEINE KOLUMNE. Was aber ist es denn dann? Ein Text, hm, selbst eine Rettung, nee, oder, eine ultima ratio, eine conditio sine qua non, eine Fisch, der vom Ende her stinkt? Wahrscheinlich letzteres, weswegen jetzt, da das Ende noch nicht erreicht ist, die Dinge noch etwas hoffnungsfroher aussehen, respektive riechen. Am Ende wird es dann vielleicht heißen ja, oder eben nein, die Realität ist dann verloren, irgendwie. Und das führt mich zu der Frage, warum ausgerechnet ich solch schwierige Fragen beantworten soll. Jetzt kann man natürlich einwenden, dass ich es ja selbst bin, der die Dinge auf solch unstete Weise forciert, dass sie nicht anders denn als lückenlos und differenzierbar zu bezeichnen sind. Und ja, ich will es wissen, Was ist denn jetzt mit der Realität?, ruft es in mir, es will sich da etwas Bahn brechen, was ich mir in ruhigen Minuten vielleicht auch ganz anders gedacht habe. Vielleicht wollte ich ja einfach bei einem Glas Cognac in den wunderbaren Abendhimmel blicken und die Momente der Kassiopeia feiern, vielleicht ist es auch ein besinnliches Autorennen, was ich mit meinem sinnlos überteuerten Automobil austragen möchte, vielleicht möchte ich ein üppiges Mal zu Mozarts sogenannt genialer Tonkost zu mir nehmen; man weiß es nicht, und ich werde nicht zu viel verraten, wenn ich mit anfüge, dass auch ich, so für mich, gerade in diesem Punkt nicht die geringste Ahnung habe. Nichtsdestotrotz ist es ja nebst dieser Selbstunkenntnis eigentlich eine Frechheit, dass ausgerechnet ich, die schwierigste Frage beantworten soll. Gut Markov-Ketten sind auch nicht easy stuff, und wer schon einmal versucht hat Hegel zu lesen, oder was ist mit Lacan, Jacques Lacan, oioioioi, und doch was wäre Lacan, eben dieser Lacan, der Jacques einfach, wenn die Realität eben gerade mal nicht mehr zu retten wäre. Ich kannte mal einen Perückenmacher und der hat, wie es seine Profession vorgibt, tatsächlich hier und heute Perücken gemacht, und wenn der jetzt wüsste, da die Realität eben nicht mehr, sie verstehen, was könnte da nicht alles aus seinen Perücken werden, und das meine ich durchaus als Warnung! Denn wer weiß schon, was aus im Grunde genommen harmlosen Perückemachern wird, die der Realität verlustig werden? Gibt es dafür ein Expertentum? Ja ha, da denkt man, schaffen wir einfach mal die Realität ab, nachdem es mit der Dampflok und den Schnürsandalen so wunderbar geklappt hat, und dann bedenkt man überhaupt nicht, dass einfach ganz schön kompliziert werden kann. Angenommen man denkt, ja, Realität no more, und dann geht es los, erste Unstimmigkeiten, die Menschen rufen an und fragen, ob ihre Seifenlauge auch davon betroffen ist, und zunächst geht man noch auf die Fragen ein, aber dann nehmen die Anrufe so überhand, dass es eigentlich dann auch gleich über den Rundfunk erklärt werden kann, und dann sagt die Frau im Radio, dass ab jetzt und so, die Realität, man versteht schon, und dann ist sie auf einmal gar nicht mehr zu hören, weil sich beispielsweise erst im Nachhinein herausstellt, dass ausschließlich die Realität hörbar ist, und vielleicht werden die Dinge ja schon dann wahr, wenn man sie einfach behauptet, und da die Radiosprecherin behauptet hat, dass die Realität jetzt nicht mehr und so, und da verschwindet alles im Dunst und die logischen Widersprüche sind zahlreich. Heißt das jetzt im Umkehrschluss, und an diesen werden wir uns jetzt immer weiter annähern, dass eben doch alles wahr, real, wahrhaftig und dann auch irgendwie sein- und zeitig ist? Dann wäre ja doch alles nur halb so schlimm mit dem ewigen Rumgefrage und den doofen Ideen über die anderen Seiten. Und dann könnte ich hier auch mal uneingeschränkt affirmativ den Geschehnissen entgegensehen, Mensch, klar, die Realität ist zu retten, habe ich doch schon immer gesagt. Und sobald ich das verkündet habe, kann ich mich dann wider dem Abendhimmel widmen, das Leben kann so einfach sein. Wenn da nicht, und ich hätte drauf wetten können, dass dann wieder die Abers und Wenns kommen, die kurzfristige Anfrage auf meinem Schreibtisch landete: Sehr geehrte Damen und Herren, heißt es da und ich frage mich, an wen diese Menschen denn eigentlich schreiben. Wir freuen uns über den positiven Bescheid und möchten sie zu ihrem großen Erfolg in dieser Hinsicht beglückwünschen. Und, sie ahnen es, jetzt, und auf die Gefahr hin, zu nerven, nur noch eine Nachfrage: Wie, wie ist die Realität zu retten? In der Hoffnung, bald von Ihnen zu hören, et cetera ff pp. Hm? Vielleicht hätte ich doch auswandern sollen. Vielleicht nach Dänemark, oder nach Laos. Wie hieß noch gleich diese literarische Figur, die dorthin ausgewandert ist? War's Schütz? Wilhelm Schütz? Oder doch Bernhard, ja, ich glaube Bernhard, Wilhelm Bernhard Josef Schütz.

 
<< Anfang < Vorherige 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Nächste > Ende >>

Ergebnisse 1 - 4 von 441
© 2016 Tk-werk - Thomas Kurze - Autor und Komponist, Wort und Ton, Theater, Prosa, Hörspiel, Neue Musik, Jazz
Joomla! is Free Software released under the GNU/GPL License.